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Protokoll einer Aufführung
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pappcartoon
Nicht registiert

 
Beitrag: #13
Rainbow Protokoll einer Aufführung, Teil zwei
Das, was von mir übrig ist, ist wieder daheim eingetroffen.

Der Anfang war mehr als bescheiden. Immerhin habe ich einen Parkplatz in Zeltnähe gefunden (ich habe in einem muffigen, dämmerdunklen Zirkuszelt gespielt, wo ich in der Manege die Bühne aufgebaut und im Schweiße meines Angesichts etwa zwanzig Stühle direkt davor hingestellt hatte).

Niemand wusste Bescheid, nichts war vorbereitet. Super.

Der Aufbau war schwierig, denn den Vorhang konnte ich nicht verwenden: der Untergrund war schräg und ständig ist der Zugwind durchs Zelt gefahren das hat mir die ganze Pracht schon bei der Montage zweimal umgehauen.

Zum Glück hatte ich die gute, alte "Backstage"-Wand im Gepäck und weil es im Zelt sehr schummrig war (ich hab' dem Beleuchterknecht gesagt, daß er seine Discofunzeln gar nicht erst anzuwerfen braucht), hat das Publikum später mehr auf die hell erleuchtete Bühne geachtet, als auf meine Hampelei und meinen roten Kopf.

Immerhin konnte ich barfuß spielen, denn der Zeltboden war nichts anderes als die grüne Wiese vom Waldheimplatz. Gut für meine armen Füße!

Ich war also termingerecht fertig, die Figuren waren im Ständer aufgebaut, die Collagen für die Jahreszahlen hingen in der richtigen Reihenfolge an der Plakatwand neben der Bühne, den Text konnte ich fast auswendig... und dann habe ich gewartet.

Niemand kam.

Die erste Vorstellung um eins ist komplett ausgefallen, weil unser redseliger Oberbürgermeister zuerst ewig lang geschwafelt hat und weil schlicht niemand wusste, was im Zelt passiert. Ich habe zwar noch ein paar Plakate aufgehängt, aber die hat wohl keiner gesehen.

Weil ich wusste, daß mein Stück eine gute Dreiviertelstunde dauert, brauchte ich auch für die drei Leute, die sich ins Zelt verirrt hatten, nicht anzufangen, denn ab halb zwei wollten die Theatermädchen ihr Stück proben.

Der Jugendgruppenleiter war auch so ein Herzchen, denn der hat ebenfalls nix von mir gewußt und war ziemlich erstaunt, als ich in der Manege schon meine "Bühnen-Ecke" aufgebaut hatte. Wo die Mädchen das Stück doch extra inszeniert hätten.

(Alles, was ich darüber wusste, war, daß die Mädchen letzte Woche noch nicht mal gewußt haben, ob sie überhaupt auftreten können, weil sie bis dahin keinen Hauptdarsteller hatten).

Egal.

Ich habe mir also ein Eis gekauft, bin über den Festplatz geschlendert und habe mir danach eine gemütliche Ecke im Zelt gesucht, in der ich meinen Text nochmal durchgegangen bin. Ich habe mich sehr überflüssig und verlassen gefühlt - noch dazu, wo ich mir wirklich viel Mühe mit dem Stück und den vielen Figuren gegeben habe, die die hundertjährige Geschichte des Stadtteils darstellen.

Als die Mädchengruppe fertig war, hat freundlicherweise eine von ihnen darauf hingewiesen, daß es gleich noch ein lustiges "Kaschperlpuppentheater" (... aaargh! Figurentheater!) im Zelt geben würde. Danach musste es plötzlich schnell gehen und ich habe erstmal alle Stühle wieder vor der Bühne aufstellen müssen.

Zum Glück habe ich eine sehr laute Stimme, also konnte ich den Leuten im Zelt ohne krachendes, knirschendes Mikrofon erklären, daß sie jetzt ruhig zu sein hätten und daß die eigentliche Show nur in dem kleinen, hell erleuchteten Bühnenausschnit stattfinden würde.

Diejenigen, die sich dafür interessiert haben, haben sich flugs dort versammelt und die anderen haben sich verkrümelt, um draußen weiterzutratschen.

Und dann ging's los. Endlich!

Wenn ich mal angefangen habe, gibt es kein Halten mehr. Ich bekomme von den Reaktionen des Publikums nicht viel mit, weil ich mich auf den Text und die Figuren konzentriere, aber das eine oder andere Kichern habe ich registriert - immer an den "richtigen" Stellen. Die Pointen haben funktioniert.

Ich habe das Stück durchgezogen, die Elfe mit den Flatterflügeln hat am Schluß die Kinder darauf hingewiesen, daß sie sich Figuren zum Ausmalen und Mitnehmen holen dürfen, Applaus, Licht an, fertig.

Da war's kurz vor vier und ich habe die nächste Vorstellung für vier Uhr angesetzt. Siehe da: der Laden war ein zweites Mal richtig voll (irgendjemand hat gefilmt und wohl auch geknipst, aber das habe ich nur peripher gemerkt).

Die "mittlere" Vorstellung ist in der Regel etwas schwächer, weil die Anspannung der ersten verflogen ist. Aber auch sie war sehr erfolgreich und bevor ich danach noch etwas sagen konnte, war die Hütte schon wieder voll, weil alle auf eine Fünf-Uhr-Vorstellung gewartet haben.

Also habe ich die Figuren und Collagen zum dritten Mal in die richtige Reihenfolge gebracht, mir ein Hustenbonbon und einen halben Liter Wasser verabreicht und wieder von vorn losgelegt.

Die letzte Vorstellung war die beste: ich wusste, es geht dem Ende entgegen und den Text konnte ich mittlerweile komplett auswendig - sobald ich die nächste Figur im Ständer gesehen habe, wusste ich, was wann zu tun und was wie zu sagen war. (Das war auch gut so, denn das Licht im Zelt war zu dem Zeitpunkt schon so schlecht, daß ich meinen Text gar nicht mehr hätte ablesen können, selbst wenn ich es gewollt hätte!)

... und dann war's vorbei. "Kaschperl, mach an Vorhang zua!", Licht aus - finito.

Big Grin

Am Ende der letzten Vorstellung hat mein Theater-Stadtrat (eine meiner besten Figuren überhaupt!) noch explizit darauf hingewiesen, daß seine persönliche Assistentin dringend ein neues Kostüm bräuchte und man darum Spenden bei ihr abgeben könnte. Hat aber trotzdem nicht viel eingebracht (finanziell gesehen).

Allerdings haben sich ein paar Leute meine Visitenkarten mitgenommen und sich erkundigt, ob ich auch "privat" spielen würde. ("Fünfzig Euro für eine Wunschvorstellung auf dem Kindergeburstag? Das ist ja nicht viel..." - willkommen in der Vorstadt!)

Und auch, wenn ich es vor lauter Spielen und Sortieren und Spielen und Sortieren nicht wirklich mitbekommen habe, so glaube ich doch, daß ein paar "richtige" Leute zugesehen haben.

Die verantwortliche Dame des Bürgervereins hat schon gesagt, ich müsse das Ganze nochmal in Ruhe im Bürgercafé zum besten geben. Mindestens noch einmal - das hundertjährige Jubiläum geht ja noch bis zum Ende des Jahres.

Ja, ich denke, es war ein erfolgreicher Nachmittag.

Darauf einen Cocktail!

(Morgen kann ich keinen Schritt mehr laufen, weil mir der Rücken wehtut - ich musste mich ein bißchen ungünstig über die Bühne beugen. Außerdem kann ich wahrscheinlich keinen Pieps mehr von mir geben, meine Stimmbänder kratzen jetzt schon ziemlich unheilvoll. Was tut man nicht alles für die Kunst...)
19.05.2012 19:17
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