RE: Bachelor-Thesis: Eine kleine Einschätzung gewünscht
Hallo Judith,
Ulrich hat mit seinen Betrachtungen schon sehr weit ausgeholt. Ich möchte ergänzend anmerken, dass jede Zeit ihre technischen Möglichkeiten zum Theaterspiel auch auf der Papiertheaterbühne nutzte. So zeigt uns das Titelbild der PapierTheater Nr. 19 aus 2001 (siehe Vereinshomepage - Zeitschriften PapierTheater) den Einsatz einer Laterna Magica zur Hintergrundprojektion - ob nur als Prospektbeleuchtung oder darauf als wechselnde Bilddarstellungen von hinten ist nicht erkennbar. Beides ist aber durchaus vorstellbar und wäre naheliegend gewesen. Mit dem Aufkommen der ersten Schallplatten kamen die in diesem Forum bereits recht ausführlich behandelten Kurzopern auf den Markt und fanden reißenden Absatz - und wahrscheinlich auch häufige Anwendung zum Spiel. In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhundert wäre niemand gesteinigt worden, hätte er mit einer Super-8-Einblendung einen Szenenablauf dargestellt. Es ist nur nicht überliefert, ob es jemand versuchte.
Vor nun schon etwas längerer Zeit suchte ich hier im Forum um Ratschlag zu einer Möglichkeit, den Brand einer Straßenzeile auf offener Bühne darzustellen und bekam etliche gute Anregungen. Dennoch ließ sich damit nicht das darstellen, was in das von mir geplante Bühnenstück die notwendige "Würze" bringen könnte. Mit einem Flachbildschirm als Hintergrund ließe sich die Szene gut und Brand-sicher in wie erforderlich kürzester Zeit darstellen - doch ich bin zeitlich noch nicht soweit und ich weiß nicht, ob mir letztendlich nicht auch der Mut hierzu fehlen würde. Ich glaube aber nicht, dass es absolute Sünde wäre, mit solcher Technik zu arbeiten - und wenn ich sie nutzen würde, würde ich darauf vertrauen, dass Zuschauer einer Papierthateraufführung in den seltensten Fällen faule Eier griffbereit in ihren Hosentaschen hätten... Soweit meine Meinung zu verwendbarer Technik.
Ein anderer Punkt - und sicher einer eigenen und kontroversen Diskussion würdig - sind die zur Aufführung auf einer Papiertheaterbühne gelangenden Stücke. Ich persönlich bin da recht konservativ: Stücke müssen bei mir erkennbaren Inhalt haben! Irgendwann in meinem bisherigen Leben verließ ich wutschnaubend ein Theater, in dem ein Stück für Mund und Overhead-Projektor gegeben wurde. Ein sicher hochdotierter Professor summte vor sich hin oder schnalste mit der Zunge und malte gleichzeitig auf der Projektor-Folie für die Zuschauer sichbar entsprechende Kurven bzw. Punkte oder Striche. Ich kam mir höllisch verar...... (nee, den Begriff schreibe ich nicht aus, sonst gibt es eine Abmahnung des Administrators), jedenfalls erheblich mehr als nur ein wenig veräppelt vor! Und als nach 23 Minuten (man sage nicht, ich sei nicht geduldig!) noch immer keine Änderung der Darbietungsart in Sicht war, stand ich auf und verließ die Tür hinter mir heftig zu knallend den Zuschauerraum. Auf der Leinwand - so berichtete mir später meine Frau - wurde dies mit einem sehr dicken Punkt dargestellt!
Ich hoffe nicht, dass jemand von unseren Papiertheaterspielern auf die Idee käme, auf einer sonst tiefschwarz gehaltenen Bühne seitwärts einen roten Steg zu stellen und zu behaupten, das sei die Felsplatte, von der sich Wilhelm Tell in seinem Nachen abstößt. Überlaßt das Experimentieren den großen Bühnen, die zu wenig Geld haben, richtige Stücke auf die Bretter zu bringen, oder die aus anderen Gründen meinen, große Werke ihrer eigentlich zugehörenden Zeit entreißen zu müssen, um sie in irgendwelchen zeitkritischen Räumen anzusiedeln (schön, das noch nicht versucht wurde, Mozarts Musik neu zu schreiben, die Erstürmung des Sarastro-Palastes durch die Königin und Monostotos mit einem hineingestürzten Flugzeug im Folgejahr des 11. September hat mir wirklich gereicht).
Mit einem zusammengeknüllten Stück Papier, gefalteten Schwalben oder auf Wäscheleinen gehängte Noten als "Papiertheater" habe ich ein echtes Problem. Das mögen zwar irgendwo interessante Impressionen sein, aber was wollen sie uns sagen?!? Ich brauche die Ansprache über das Theater - auch beim Papiertheater! Sicher gibt es auch erbauliche Bilder, die ohne wesentliche Handlung und Text auskommen (ich denke an Per Abrahams Tableau´s oder auch an Haases van-Goch-Interpretationen) und dadurch ihren optischen Reiz mit musikalischer Untermalung haben.
Eine weitere Frage wird sein: "Wo hört Papiertheater auf?" Ist es wirklich noch Papiertheater, wenn der Akteur das Papier bzw. die Bühne mit papiernen Figuren und Kulissen nutzt, um sich primär selbst darzustellen? Nicht nur erklärend oder prologdarstellend, sondern als Clouwn, als Sänger, als Mime und sich gegebenenfalls entkleident über oder neben der Bühne ins Geschehen aktiv eingreift und dies bestimmt?
Liebe Judith, Ihre Aufgabe ist nicht einfach zu beantworten und zu lösen. Und trotzdem deckt sie nur einen ganz kleinen (wenngleich nicht unwichtigen) Bereich dessen ab, was Papiertheater ausmacht - heute und früher. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Arbeit. Falls Sie Fragen haben oder sonstige Diskussion wünschen, kommen Sie gern über PN auf mich zu. Kronshagen ist wirklich nicht weit von Ihrem Studienort entfernt und die vier Kilometer schaffen wir mit dem Fahrrad!
Viele Grüße
Klaus
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 30.03.2012 22:44 von Klaus Beelte.)
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