Liebe Judith!
Nachdem ich vorhin meine Antwort offensichtlich zu schnell absenden wollte, habe ich sie wahrscheinlich ins Datennirwana geschickt. Also fange ich nochmals an, weil mir diese Thema sehr am Herzen liegt.
Natürlich gibt es im Bereich des Figurentheaters (als Überbegriff für alles) Fraktionen. Diese Fraktionen gibt es nicht nur im Papiertheater, die gibt es bei den Handpuppen ebenso, wie bei den Marionetten u.ä. Es gibt da und dort Traditionalisten ebenso wie Erneuerer. Die Szene ist insgesamt ebenso klein wie besonders heterogen. Die Figurentheaterszene, und Papiertheater gehört als Fraktion zu den Figurentheatern, wird zumindest in Österreich sehr in den Bereich des Kaspertheaters gedrängt und tut sich insgesamt sehr schwer, aus dieser Ecke herauszukommen. Nachdem meines Wissens nach die Papiertheaterspieler in Europa an vier bis fünf Händen abgezählt werden können, können Sie davon ausgehen, dass jeder Papiertheaterspieler eine Welt für sich ist. Es gibt keinen gesellschaftlichen Hintergrund mehr. Im 19. Jahrhundert war Papiertheater ein modernes Spielzeug in den bürgerlichen Haushalten. Natürlich wurde damals ebenso Technik verwendet: kleine Petroluemlampen, verspiegelte Glaszylinder für Kerzen, Seilzüge zum Kulissenwechsel wie in großen Theatern, Schellackaufnahmen u.v.a.m. Papierthater zählt heute, in der Zeit der elektronischen Berieselung zu den Exoten überhaupt. Die Szene reicht vom puristischen Dirk Reimers in Preetz, der z.B. eine hinreißende Hommage an Richard Tauber in einem winzigen Bühnchen darbietet bis zum Kölner Kästchentreffen (
http://www.kölner-kästchentreffen.de) die mit den Mitteln des Papiertheaters, wie auch des Figurentheaters absurdes zeitgenösisches Theater spielen. Die Szene reicht vom Ariensingenden Papiertheaterspieler mit klassischem Bühnchen über hochtechnisierte Spieler mit offener Spielweise bis zu Technikfreaks die keine technische Errungenschaft unserer Zeit auslassen. Eben der gleiche Dirk Reimers und seine Frau zeichnen aber auch eigene Stücke, die sie auch selbst schreiben. Sie sehen wie schwer es ist, hier von ener einheitlichen Szene zu sprechen.
Um auf Ihre letzt Frage besonders einzugehen: Natürlich werden heute LEDs in allen Spielformen und Preislagen, elektronische Tonträger, tolle Nebelmaschinen und alles was Sie sich vor- und auch nicht vorstellen können beim Figurentheater und natürlich auch beim Papiertheater eingesetzt. Die Rezeption durch das Publikum ist durchaus ausgezeicnet, wenn diese technischen Hilfsmittel solche bleiben und das Herzblut des Spielers im Vordergrund steht und seine Begeisterung für die Interpretation eines Stückes auf das Publikum überspringt.
Wenn mein Papiertheaterfreund an der Ostsee seine Cancan-Tänzerinen zum "Schwingen der Beine" bringt, oder "meine" Elisabeth im Tannhäuser auf offener Bühne theatralisch sterbend dahinsinkt ist natürlich immer ein klein wenig Technik aber ein Übermaß an Begeisterung dabei. Manchmal gelingt es dann, dass diese Begeisterung einen jungen Menschen unserer Zeit derart erfaßt, daß er auch versucht ein Papiertheater zu bauen und damit ein Stück aufzuführen. Das ist dann für den betroffenen Papiertheaterspieler ein Festtag.
Für das Figurentheater, hier im besonderen für das Papiertheater, gilt meiner bescheidenen Meinung nach, wie für die gesamte kreative Landschaft: Nicht die Asche hüten, sondern das Feuer weitertragen!
In diesem Sine sende ich Ihnen liebe Grüße aus Wien und wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Arbeit
Ihr
Ulrich Chmel